Während des Zweiten Weltkriegs annektierte Deutschland ohne internationale Abkommen mehrere angrenzende Gebiete und führte dort die allgemeine Wehrpflicht ein. Mindestens 500 000 Ausländer (Polen, Belgier, Luxemburger, Franzosen, Jugoslawen), die als Volksdeutsche betrachtet wurden, mussten so für das Dritte Reich die Waffen tragen. Doch wie gestaltete sich die soziale Realität dieser Gruppe während des Konflikts und in der Nachkriegszeit? Welche Meinung und welches Verhalten zeigten sie gegenüber der Wehrpflicht? Wie wurden sie von Deutschland, ihrem jeweiligen Staat und ihrer Gesellschaft sowie von den Alliierten wahrgenommen und behandelt? Welche Erinnerung an die Ereignisse haben sie nach ihrer Rückkehr konstruiert? All diese Fragen, die im Osten hinter dem „Eisernen Vorhang" weitgehend tabuisiert und im Westen durch einen opferbezogenen und patriotischen Diskurs umgangen wurden, sind seit den 1990er Jahren Gegenstand neuer wissenschaftlicher Studien. Dieses Werk, das internationale Forscher vereint, fügt sich in diese historiographische Erneuerung ein und bietet einen ersten europäischen Vergleich dieser „Zwangsrekrutierten". Die nach dem Krieg geschmiedeten globalisierenden Diskurse, ob opferbezogen oder anklagend, werden hier dekonstruiert, um einer leidenschaftslosen und differenzierten Geschichte Platz zu machen. Hinter der rechtlichen Einheit dieser Gruppe — alle trotz Völkerrecht eingezogen — zeigt sich eine Vielfalt von Lebenswegen und Meinungen, je nach Region, aber auch je nach Individuum, abhängig insbesondere von den lokalen oder familiären Vorgeschichten und den jeweiligen Interessen oder Zwängen.
Frédéric Stroh
Historiker | Dokumentarfilmer
L'incorporation de force dans les territoires annexes par le IIIe Reich - Die Zwangsrekrutierung in den vom Dritten Reich annektierten Gebieten. 1939-1945
Die Zwangsrekrutierten| Herausgeber | STROH Frederic, QUADFLIEG Peter M. (dir.) |
|---|---|
| Erscheinungsort | Strasbourg |
| Verlag | PUS |
| Erscheinungsjahr | 2016 |
